Machen wir uns nichts vor: Originalität als qualitatives Bewertungskriterium für Musik ist überbewertet. Von irgendwoher wird schließlich immer geklaut, das hat uns die Postmoderne gelehrt. Ich halte es daher (in der Regel) auch für verfehlt, Bands dafür zu verurteilen, dass sie ihre musikalischen Einflüsse für Jedermann erkenntlich offen vor sich her tragen. Solange sie gute Songs schreiben, ist es doch, auf gut Deutsch gesagt, relativ wurscht, ob es das Ganze stylistisch ähnlich schon mal irgendwo gegeben hat. Irgendwie ist das schließlich immer der Fall.
Nun soll meine Einleitung an dieser Stelle kein Plädoyer für plagiarism sein. Ohne eigene Ideen kann keine gute Musik entstehen. Die Smith Westerns sind eine Band mit eigenen Ideen und gut geschriebenen Songs. Dass sie sich auf ihrem neuen Album anhören, wie eine Mischung aus den Beatles circa Revolver und den Glam-Rock Pionieren T.Rex, macht die Sache eigentlich nur noch besser. Dye It Blonde ist in sich stimmig, schön produziert, catchy and quite an accomplishment für drei Jungs, die in ihrem Heimatland nocht nicht einmal legal trinken dürfen.
Und hier noch ein kurzer Film von Ryan McGinley, der beim Pitchfork Festival im vergangenen Jahr die Smith Westerns und Girls on- und off-stage begleitet hat:
Anfang der 70er Jahre bildete sich in Boston, Massachusetts eine Band, die in der Gegend sehr bald für Aufruhe sorgte. Mit einem Sound, den nur wenige Eingeweihte von den durch Andy Warhol's Factory semi-populär gewordenen Velvet Undergrounds kannten, mischten sie die Szene Jahre bevor Punk Punk wurde durch ihren schrammeligen Garage Rock auf. Die Rede ist von den Modern Lovers um Frontmann Jonathan Richman.
Von 1971 bis 1973 unternahm die Band zahlreiche Versuche (u.a. mit Velvet Underground's John Cale und dem Produzenten Kim Fowley) ein Album aufzunehmen und es fertigzustellen. Als das irgendwie nicht so recht was werden wollte, entschied sich ihre Plattenfirma Warner Brothers dazu, den Vertrag mit der Band zu kündigen. Daraufhin tingelte die Band in veränderter Konstellation noch ein weiteres Jahr durchs Land, bevor sie sich 1974 ohne jegliches veröffentlichtes Material auflösten.
Nun würde diese Geschichte erst gar nicht erzählt werden, wenn die Lieder der Modern Lovers nicht doch irgendwie in Umlauf geraten wären. 1976 fasste Berserkley Records den Entschluss, eine Art Patchwork-Debütalbum mit Aufnahmen aus dem Jahr 1972 auf den Markt zu bringen. Das selbstbetitelte, "posthume" Modern Lovers Album hat es mittlerweile durch bahnbrechende Hits wie "Roadrunner", "She Cracked" und "Pablo Picasso" zu einem echten Kult-Objekt gebracht.
Fast noch interessanter sind dadurch in meinen Augen die anderen Aufnahmen der Band geworden. 1981 brachten Kim Fowley und die Gold Star Studios eine Zusammenstellung an Demos heraus, die Fowley 1973 mit Richman & Co. gemacht hatte. Der unfertige, semi-professionelle Lo-Fi Sound der Modern Lovers ist hier, wie ich finde, auf die authentischste Art und Weise eingefangen.
Einige Mysterien des Musikgeschäfts werden wohl für immer ungeklärt bleiben. Wie soll es sich beispielsweise erklären lassen, dass zwei so außergewöhnlich talentierte Rapper wie Siah und Yeshua DapoED im Laufe ihrer kurzen Karriere lediglich dazu kamen, eine einzige EP zu veröffentlichen? The Visualz EP erschien 1996 auf Bobbito Garcia's Underground-Label Fondle 'Em Records und bis auf eine erweiterte Neuveröffentlichung des Materials im Jahr 2008 hat man nie wieder etwas von ihnen gehört. Bei der Wortgewalt dieses New Yorker Duos ist das echt zu bedauern.
Recordings: The Visualz EP (1996) [EP] The Visualz Anthology (2008) [Compilation]
Unterhaltsame Anekdoten über Elvis Costello, ein Mann, der sich nie viel um Songwriting-Konventionen und Genre-Grenzen geschert hat, gibt es wie Sand am Meer. Eine davon handelt von seinem Auftritt bei Saturday Night Live im Dezember 1977. Costello und seine Band, The Attractions, waren in letzter Sekunde für die Sex Pistols eingesprungen, die eigentlich an gleicher Stelle an dem Abend hätten spielen sollen. Costello's US Label, Columbia Records, hatte es dem britischen Musiker ans Herz gelegt, seinen Song "Less Than Zero" zum Besten zu geben, da dieser bereits in den amerikanischen airwaves kursierte. So starteten Costello & Co. zu Beginn ihres Auftritts gleich mit den Anfangsakkorden ihrer Hitsingle durch - brachen den Song jedoch nach wenigen Sekunden abrupt ab. "Stop! Stop! I'm sorry, ladies and gentleman, there's no reason to do this song here." Stattdessen gingen sie über in das Lied, das Costello eigentlich für den Abend geplant hatte: "Radio, Radio", eine vernichtende Kritik an der diktatorischen Macht der Medien.
Das Video davon gibt es natürlich mal wieder nicht auf Youtube, lässt sich aber hier anschauen.
Der Auftritt sorgte für einen Eklat und Costello wurde 12 Jahre lang nicht mehr zu SNL eingeladen. Bei der Jubiläumsfeier zum 25-jährigen Bestehen der Sendung lieferte er dann zusammen mit den Beastie Boys eine Persiflage auf die legendäre Performance ab. Ziemlich Punk.
Recommended Recordings: My Aim Is True (1977) [Album] This Year's Model (1978) [Album] 2 1/2 Years (1993) [Compilation]
Ich bin auf ein paar interessante Compilations aus dem Hause Soundway Records gestoßen. Das Label wurde 2002 in England von Miles Cleret gegründet und veröffentlicht seitdem regelmäßig Afrobeat/Funk/Latin Jazz Sampler aus nicht-westlichen Kulturkreisen. So widmet sich ein Release beispielsweise den Ghana Soundz: Afro-Beat, Funk and Fusion in 70's Ghana, ein weiteres Highlight ist das Nigeria Special: Modern Highlife, Afro-Sounds and Nigerian Blues 1970-6. Auch Panama, Kolumbien, Thailand und die französische Karibik sind vertreten.
Die Compilations bestehen vorwiegend aus 1-2 CDs, sind offensichtlich akribisch und liebevoll zusammengestellt und bieten einen Einblick in musikalische Welten, die leider häufig im Verborgenen bleiben.
Eine Auswahl an Soundway Records Compilations: Ghana Soundz: Afro-Beat, Funk and Fusion in 70's Ghana (2002) Panama! Latin, Calypso and Funk on the Isthmus 1965-75 (2006) Colombia! The Golden Age of Discos Fuentes - The Powerhouse of Colombian Music 1960-76 (2007) Nigeria Special: Modern Highlife, Afro-Sounds and Nigerian Blues 1970-6 (2008) Nigeria Disco Funk Special: the Sound of the Underground Lagos Dancefloor 1974-79 (2008) Tumbélé!: Biguine, Afro & Latin Sounds From the French Caribbean, 1963-74 (2009) Sound of Siam: Leftfield Luk Thung, Jazz & Molam From Thailand 1964 to 1975 (2010)
Es muss ja nicht immer unbedingt um Musik gehen... Vor allem nicht, wenn es solche genialen Fernsehserien gibt, wie die zwischen 1992 und 1995 entstandenen Batman Cartoons. The Animated Series sind nicht etwa einfach irgendeine Zeichentrickserie, sondern sie sind das künstlerischste, was man sich unter dem Thema Animation vorstellen kann. Jede der Folgen ist auf ihre Art ihr eigener Film Noir, stylistisch perfekt inszeniert, mit intelligenter Storyline, packenden Charakteren und eindrucksvollen Bildern. Den Schöpfern der Serie gelingt es, eine gewisse Essenz der Batman DC Comics Serie einzufangen und zu filtern und daraus ein Kunstwerk zu kreieren, dass seine eigene, klare Sprache spricht. Sie schaffen eine in sich so stimmige Welt, dass es schwerfällt, wieder aus ihr herauszutreten.
Über Amazon lassen sich die Staffeln zum Teil für schlappe 8€ käuflich erwerben. Die 4-teiligen DVD-Sets (Vol. 1 & Vol. 2) mit je 28 Episoden bieten auf jeden Fall eine lohnende Investition.
James Blake versteht es in Zeiten des viralen Marketings, eine Existenz als Musiker aufzubauen. Durch die in regelmäßigen Abständen erfolgte Veröffentlichung dreier EPs im Jahr 2010, kreierte der Dubstep-Produzent in den globalen Weiten des Hipster-Netzes einen Hype um die eigene Person, der momentan seinesgleichen sucht. Seine CMYK EP erhielt prompt Pitchfork's "Best New Music" Label, bei Stereogum landete die Scheibe auf Platz 2 der Top EP Liste und die Auskopplung aus der zuletzt erschienen Klavierwerke EP, "I Only Know (What I Know Now)" wurde von Pitchfork zum achtbesten Song des Jahres gekührt.
Nun erscheint Blake's selbstbetiteltes Debütalbum und der Druck auf den jungen Londoner ist in der Tat gewaltig. Ein Fehltritt würde womöglich bedeuten, dass sich seine 15 Minuten Internet-Ruhm im Handumdrehen wieder verflüchtigen. Umso beeindruckender ist, dass sich Blake mit seinem neuesten Release weiter aus dem Fenster lehnt, als er es zuvor getan hat. Genre-Grenzen verschwimmen zu einem hochstilisierten Gesamtkunstwerk. Die Dubstep-Rhythmen bleiben meist dezent im Hintergrund, der Fokus liegt auf der Leere, dem Minimalismus, mit dem Blake seine einzigartige Klangwelt inszeniert. Jeder Ton und jede Pause sind mit Sorgfalt gesetzt, alle Verschieber werden sauber gelöst. Die Vocals erinnern zum Teil an Bon Iver ("Lindesfarne I & II" klingen wie Blake's Interpretation von "Woods") und eventuelle Indie-Folk Einflüsse werden auch dadurch suggeriert, dass "Limit To Your Love", die erste Single, ein Feist-Cover ist. Viel eindeutiger präsent sind allerdings die Soul-Elemente, wie sie etwa auf der Piano-Ballade "Give Me My Month" oder dem anmutigen Closer "Measurements" zu hören sind. Trotz aller Unterschiede, die die einzelnen Tracks aufweisen, wirkt das Album so kohärent wie kaum ein anderes Release in den letzten Monaten. Blake's ästhetische Vision ist klar und deutlich zu erkennen und sie ist das, was ihm wohl in Zukunft auch noch weiteren Erfolg bringen wird.
Wenn ich daran zurückdenke, wie es eigentlich dazu kam, dass ich in Vorbereitung auf meine Karriere als Hartz-IV-Empfänger Student der Literaturwissenschaft geworden bin, erinnere ich mich vor allem an ein bestimmtes Lektüreerlebnis. Als ich vor einigen Jahren Brechts "Leben des Galilei" las, wurde mir wohl zum ersten Mal das Ausmaß der Bedeutung bewusst, das Literatur potentiell haben kann. Das Schaffen einer fiktiven Wirklichkeit eröffnete neue Blickwinkel auf die real existierende Wirklichkeit. Dieses Prinzip faszinierte mich, und Brecht, der dieses Prinzip umzusetzen wusste wie kaum ein Anderer, ist bis heute einer meiner Lieblingsschriftsteller geblieben.
So muss ich mit einiger Scham eingestehen, dass ich bisher Brechts musikalisches Pendant sträflich vernachlässigt habe. Tom Waits ist der Kronerbe des Brechtschen Verfremdungseffekts. Was er auf Alben wie Swordfishtrombones und Rain Dogs zustande brachte, ähnelt nicht nur im Darstellungsprinzip der Ästhetik Brechts. Die Lieder klingen, als wäre Waits' einziges Ziel beim Singen gewesen, die Seeräuber-Jenny aus Brechts "Dreigroschenoper" zu beeindrucken. Ein gequälter Pirat auf der Suche nach seiner Seelenverwandten.
Nun hat Waits allerdings nicht nur Mitte der 80er Jahre Musik gemacht. Für Bone Machine (1992) und Mule Variations (1999) wurde er jeweils mit einem Grammy ausgezeichnet und auch sein Output im 21. Jahrhundert wurde durchweg positiv aufgenommen. Mit Alice und Blood Money, die im Jahr 2002 zeitgleich veröffentlicht wurden, untermauerte Waits seinen literarischen Anspruch. Beide sind sie die Resultate einer Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Robert Wilson, dessen Inszenierungen von "Alice" und "Woyzeck" auf den Alben musikalisch eingefangen sind.
Ein ganz anderer Tom Waits ist auf der zweiteiligen, 1991 und 1993 herausgebrachten Zusammenstellung seiner Demo-Tapes zu hören. The Early Years sind bluesiges Singer/Songerwriter Zeug, das direkt unter die Haut geht. Das Cover für Volume One (siehe oben) sagt bereits alles: rough, rugged and raw, bare to the bone outlaw music for beat poets. Von der exzentrischen, in Whiskey getränkten und von Zigarettenrauch zersetzten Intonation, die ihn später auszeichnete, ist noch nichts zu hören. Von der Genialität, die ihn als Songschreiber berühmt gemacht hat, schon.